Faszination Regenwald

Bild Zerstörung

Soja – der Fleisch gewordene Wahnsinn

In deutschen Massentierhaltungen gibt es, Stand November 2017, etwa 12,3 Millionen Rinder, 27,6 Millionen Schweine, 1,6 Millionen Schafe und 39,6 Millionen Legehennen (Bundesamt für Statistik). Zusammen genommen sind sie schwerer als alle 82 Millionen Einwohner Deutschlands. In Österreich gibt es, Stand Dezember 2017, etwa 1,9 Millionen Rinder und 2,8 Millionen Schweine. Und irgendwie müssen diese Nutztiere ernährt werden. Aber wie? Unsere heimischen Anbauflächen für Futtermittel sind zu klein. Wo also kommen die Futtermittel für unsere Nutztiere her?

Die Futtermittel müssen importiert werden, und zwar hauptsächlich in Form von Sojabohnen. Die Sojabohnen werden auf riesigen Plantagen in Südamerika auf Flächen angebaut, die ehemals von einzigartigen tropischen Regenwäldern bedeckt waren. Auch China und die USA produzieren enorme Mengen an Sojabohnen. Letztlich landen 80 Prozent der weltweit produzierten Sojabohnen als eiweißreiches Mastfutter in den Massentierhaltungen von Nordamerika und der EU, zehn Prozent werden zu Agrartreibstoffen verarbeitet, neun Prozent werden in der Margarineherstellung verwendet und etwa ein Prozent für andere Soja-Lebensmittel.

Vorschaubild: Sojaernte

Sojaernte in Brasilien: Großflächig wird in Brasilien Sojabohnen geerntet. 80 Prozent des Sojas landen als Mastfutter zu großen Teilen in den Massentierhaltungen von Nordamerika und der EU, 10 Prozent werden zu Agrartreibstoffen verarbeitet, 9 Prozent werden in der Margarineherstellung verwendet und 1 Prozent für andere Sojaprodukte (© Veja).

Sojabohnen statt Regenwald

Der Zyklus, in dem der Regenwald vernichtet wird, lautet: Holz, Vieh, Sojabohnen. Holzfäller schlagen die wertvollen Bäume und öffnen den Wald. Viehzüchter folgen den Holzfällern und verbrennen die restlichen, weniger wertvollen Bäume. Weil die Viehzucht nicht profitabel ist, folgen auf die Viehzüchter die Sojapflanzer und pflanzen Sojabohnen. Das bringt mehr Profit.

Soja ist heute im Tierfutterbereich der konventionellen Landwirtschaften Europas und Nordamerikas eines der wichtigsten Eiweißfuttermittel ist. Es wird vor allem an Schweine, an Geflügel und auch an Rinder verfüttert. Unsere Nutztiere fressen buchstäblich den Regenwald.

Die Sojabohne

Die Sojabohne (lat.: Glycine max), deren Ursprung in China liegt, ist eine Nutzpflanze und gehört zu den Schmetterlingsblütlern (Leguminosen). Sie wächst in nur 100 Tagen an der einjährigen strauchigen Sojapflanze in warmen Regionen wie Nord- und Südamerika, aber auch Asien.

Bild: Sojabohnen

Sojabohnen

Der Eiweißgehalt der Sojabohne beträgt 36 Prozent, sie kann deswegen die Eiweißversorgung des Menschen sicherstellen. 100 Gramm Sojabohnen (etwa ein kleines Glas) enthalten mit 36 Gramm knapp so viel Eiweiß wie ein 150-Gramm-Steak vom Rind, das 38 Gramm Eiweiß enthält.

Bild: Vergleich 100 Gramm Sojabohnen mit 150-Gramm-Rindersteak

100 Gramm Sojabohnen enthalten soviel Eiweiß wie ein 150-Gramm-Rindersteak.

Wo kommen die Sojabohnen her?

Im Jahr 2012 war Brasilien mit 65 Millionen Tonnen hinter den USA der zweitgrößte Produzent von Sojabohnen. Mit dem 1973 verhängten Soja-Exportverbot der USA stieg die Nachfrage nach den billigen brasilianischen Sojabohnen sprunghaft an. Im Jahr 2016 hat Brasilien 96 Millionen Tonnen Sojabohnen exportiert. Hinzu kommt, dass sich brasilianische Sojabohnen leichter verkaufen lassen, weil der Anteil gentechnisch veränderter Sojabohnen noch relativ gering ist im Vergleich zu amerikanischen Sojabohnen. Interessant: Mit Ausnahme einer brasilianischen Firma ist die Sojabohnen-Produktion fest in der Hand ausländischer Unternehmen.

Steigende Nachfrage nach Sojabohnen

Die Nachfrage nach Soja steigt. Allein Brasilien hat die Produktion von Sojabohnen in den Jahren zwischen 2002 bis 2016 von jährlich 43 Millionen Tonnen auf 96 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt. Im selben Zeitraum wurden 180.000 Quadratkilometer Regenwald im brasilianischen Teil Amazoniens abgeholzt. Das meiste davon in den Soja-Bundesstaaten Mato Grosso, Para und Rondonia, nämlich 148.000 Quadratkilometer. Insgesamt wurden im Jahr 2016 in Brasilien Sojabohnen auf einer Fläche von 330.000 Quadratkilometern angebaut; dies enspricht fast der Fläche Deutschlands mit 357.000 Quadratkilometern.

Grafik: Sojaproduktion in Brasilien von 1961 bis 2016

Jährliche Sojabohnen-Produktion in Brasilien zwischen 1961 und 2016: Die Grafik zeigt die jährliche Sojabohnen-Produktion (in Millionen Tonnen) in Brasilien von 1961 bis 2016. Die Auswertung erfolgte am 17.04.2018 mit Hilfe der Datenbank der FAO (FAOSTAT).

Hauptabnehmer von brasilianischen Sojabohnen und argentinischem Sojaschrot (Nebenprodukt bei der Herstellung von Sojaöl, siehe unten) sind Deutschland und Frankreich: Vom deutschen Futtermittelverbrauch deckt Soja rund 30 Prozent ab, das sind mehr als 4,2 Millionen Tonnen jährlich. Die deutschen Sojaimporte sind fast vollständig für den Futtermittelbereich bestimmt. Dazu der ehemalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im Mai 2008: "Die Profiteure der Regenwaldabholzung sind weit mehr die deutschen Bauern als die brasilianischen Landwirte".

Massentierhaltung

Unsere Viehbestände sind viel zu hoch, als dass sie noch von einheimisch angebauten Futtermitteln ernährt werden könnten. Ohne die Importe von Sojabohnen, die auf ehemaligen Tropenwaldflächen angebaut wurden, könnten unsere Massentierhaltungen heute nicht existieren.

In der Massentierhaltung werden allerdings nicht die ganzen Sojabohnen verwendet, sondern der sogenannte Sojaschrot. Dabei handelt es sich um zerkleinerte Sojabohnen, denen das Öl (Sojaöl) durch Pressen oder Extraktion entzogen wurde. Das Sojaöl wird als pflanzliches Öl in Nahrungsmitteln verwendet und kann auch zu Agrartreibstoffen raffiniert werden.

Das brasilianische Soja-Moratorium funktioniert

Im Juli 2006 unterzeichneten nichtstaatliche Organisationen (NGOs) und Soja-Großhändler in Brasilien die erste freiwillig getroffene Vereinbarung um den Handel mit Soja zu stoppen, das auf illegal gerodeten Regenwaldflächen angebaut wurde: das Soja-Moratorium. Es ist das erste Moratorium dieser Art in den Tropen und soll als Vorbild dienen für andere Agrarprodukte aus Brasilien, wie zum Beispiel Rindfleisch und Palmöl. Das Soja-Moratorium wurde im November 2014 verlängert und läuft bis Mai 2016. Es wird in der Zwischenzeit von der brasilianischen Regierung überwacht, wozu Überwachungsflüge und die Auswertung von Satellitenbildern eingesetzt werden.

Das Soja-Moratorium ist ein Erfolg, denn seither wird in Brasilien kaum zusätzlicher Regenwald abgeholzt um die Anbaufläche für Soja zu vergrößern. Nach dem Ende des Soja-Moratoriums im Mai 2016 soll die brasilianische Regierung selbst die Regenwälder am Amazonas mittels effektiver Umweltgesetze ("Código Florestal") schützen. Umweltorganisationen und Wissenschaftler sind allerdings skeptisch und fordern, dass das Soja-Moratorium über diesen Termin hinaus verlängert wird. Denn das nachlassende Interesse der Öffentlichkeit und die steigende Nachfrage nach Soja erhöhen bereits wieder den Druck auf die tropischen Regenwälder am Amazonas.

Soja künftig auch für Agrartreibstoffe

In Brasilien werden erste Biodieselfabriken gebaut. Soja, das bisher nur als Futtermittel für die europäische Massentierhaltung angebaut wurde, soll künftig auch für die Herstellung von Agrartreibstoffen verwendet werden. Das Sojaöl zu Sprit und der Schrot zu Futtermittel, ein Synergieeffekt, der den Fleischhunger und den Spritdurst der EU stillen soll.

Soziale Folgen

Brasilien ist eines der führenden Länder im Futtermittelexport, aber etwa 60 Prozent der Bevölkerung leiden unter Mangelerscheinungen, die auf schlechte Erhährung zurückzuführen sind. Während viele Brasilianer hungern müssen, exportiert das Land Millionen Tonnen Soja. So ist es häufig in den Ländern der Tropen: Die Regenwälder werden nicht gerodet um die eigene Bevölkerung zu ernähren, sondern für die Anlage riesiger Weideflächen für Rinder, sowie Plantagen für Soja und Palmöl. Der Flächenanteil, der für die Ernährung der eigenen Bevölkerung gerodet wird, fällt bei dieser Rechnung nicht ins Gewicht.

In Brasilien profitieren fast nur Großgrundbesitzer und Konzerne: 46 Prozent des Landes sind heute im Besitz von nur einem Prozent der Bevölkerung. Vertreibungen von Kleinbauern gehören seit langem zum Alltag im brasilianischen Agrarsektor. Ein Großgrundbesitzer beschäftigt auf einem Hektar einer Sojaplantage durchschnittlich 1,7 Arbeiter, während auf einem Hektar eines Familenbetriebes 30 Menschen Arbeit finden. Neben der wachsenden Arbeitslosigkeit durch Landkonflikte und Vertreibungen in den ohnehin armen Regionen verschärft sich dadurch auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln.

Rinderwahn und Sojaboom

Von der Europäischen Union wurde im Dezember 2000 im Rahmen der BSE-Krise die Verfütterung von Tiermehl in der Massentierhaltung verboten. Wegen des Verbots erwartete der damalige EU-Agrarkommissar Fischler eine Steigerung der Sojaschrotimporte in die EU um 10 Prozent (von 30 auf 33 Millionen Tonnen) jährlich. Das führt zu einem Ausbau der Anbauflächen für Soja um 1,7 Millionen Hektar. Wie wir heute wissen, lag er richtig.

Ökologische Folgen des Sojabooms

Die brasilianische Regierung spricht zwar von Umweltschutz, doch sie will auch um jeden Preis Devisen erwirtschaften, weil das Land hoch verschuldet ist. Deshalb werden neue Straßen in den Urwald getrieben oder ausgebaut. Die BR 163 beispielsweise zieht sich über 1700 Kilometer quer durch den brasilianischen Regenwald. Auf dieser Straße werden Sojabohnen aus dem Bundesstaat Mato Grosso, einem Hauptanbaugebiet für Soja, nach Santarem am Amazonas transportiert. Von dort transportieren Schiffe das Soja auf dem Amazonas zu den großen Verladestationen am Atlantik und von dort weiter in die ganze Welt, hauptsächlich nach Europa und in die USA. Der Anbau von Soja führt zu schwerwiegenden Umweltproblemen:

  • Die artenreichen Regenwälder müssen Monokulturen weichen.
  • Das in der Vegetation der intakten Regenwälder gebundene Kohlendioxid wird in großen Mengen freigesetzt und entweicht in die Atmosphäre. Die Sojapflanzen binden zwar auch Kohlendioxid aber nicht in der Menge, wie sie beim Verbrennen der Regenwälder freigesetzt wird. Die Kohlendioxid-Bilanz von Soja-Monokulturen (und allen anderen Arten von Monokulturen) ist also eindeutig negativ.
  • Für die Erzeugung von Soja und den anschließenden Transport in unsere heimischen Tierhaltungen müssen große Mengen Energie bereitgestellt werden.

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