Faszination Regenwald

Bild Zerstörung

Agrartreibstoffe

"Pack den Tiger in den Tank", ertönte einst die Werbebotschaft eines großen Mineralölkonzerns. Pack den Lebensraum des Tigers in den Tank – so muss es heute heißen; die Botschaft kann fast wörtlich genommen werden. Aus Pflanzen gewonnene Treibstoffe werden als Agrartreibstoffe bezeichnet. Die häufig verwendeten Begriffe Biokraftstoffe, Biotreibstoffe oder Biosprit sind irreführend, weil Agrartreibstoffe mit "bio" nichts gemein haben.

Palmöl – das grüne Erdöl

Im Jahr 2015 haben Indonesien und Malaysia 33 Millionen bzw. 20,5 Millionen Tonnen Palmöl (IndexMundi, 2016) produziert. Das Pflanzenöl landet in Produkten wie Margarine, Waschmittel, Schokolade, Kosmetika, und es fließt als Agrarsprit – Stichwort E10 – in unsere Autotanks. Oder es wird in Blockheizkraftwerken zur Stromerzeugung verfeuert und ersetzt dort heimischen Raps. Für den Anbau der Ölpalmen werden in Südost-Asien wertvolle Regenwälder verbrannt. Allein in Indonesien wurden bis ins Jahr 2015 rund 90.000 Quadratkilometer Land in Ölpalmenplantagen verwandelt. Die Tendenz ist leider steigend. Dabei ist das Palmöl aus Indonesien blutiges Palmöl. An ihm klebt das Blut der Orang-Utans, die mit den tropischen Regenwäldern ihren Lebensraum verlieren.

Palmöl auf dem Weltmarkt

In den Jahren seit 2001 stieg der Weltmarktpreis für Palmöl beständig an. Seit die EU-Umweltminister Anfang März 2007 beschlossen haben, den Anteil der Agrarkraftstoffe in Benzin und Diesel bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent zu erhöhen, scheint der Weltmarktpreis für Palmöl an den Weltmarktpreis von Erdöl gekoppelt zu sein, wie die Kurven in der Abbildung unten zeigen. Es ist aber nicht eindeutig geklärt, ob es sich dabei um Zufall handelt oder ob die Weltwirtschaftskrise dafür verantwortlich ist.

Abbildung: Weltmarktpreis von Palmöl und Erdöl

Weltmarktpreis von Palmöl und Erdöl: Die Kurve zeigt den Weltmarktpreis in US-Dollar für eine Tonne Palmöl (grüne Linie, linke y-Achse) und ein Barrel Erdöl der Marke Brent (rote Linie, rechte y-Achse) von Oktober 1983 bis Januar 2016 (IndexMundi).

Kolumbien

Kolumbien ist der neue Stern am Palmölhimmel. Das südamerikanische Land hat im Jahr 2015 mehr als eine Million Tonnen Palmöl produziert (IndexMundi, 2016) und rangiert damit hinter Indonesien, Malaysia und Thailand bereits auf Rang vier der größten Palmölproduzenten. Kolumbien will zu einem der größten Produzenten von Agrartreibstoffen aufsteigen, hinter den USA und Brasilien. In der kolumbianischen Provinz Chocó wird der Anbau der Ölpalme besonders radikal und rücksichtslos betrieben. Wo früher üppige tropische Regenwälder standen, wachsen heute Ölpalmen, die von internationalen Unternehmen und Finanzgesellschaften vermarktet werden. Das gewonnene Palmöl wird nach Europa und in die USA exportiert und dort zu Agrosprit verarbeitet.

Die kolumbianische Drogenmafia ist in den Handel mit Palmöl eingebunden und kann so Drogengeld auf den internationalen Märkten waschen. Wie? Ganz einfach. Die Drogenbarone investieren das Geld aus dem Kokainhandel in Ölpalmenplantagen und verkaufen das gewonnene Palmöl auf den Weltmärkten. So wird aus illegalem Geld, legales Geld. So wird aus Regenwald – eine Ölpalmenwüste.

E10 – ein fataler Irrtum

Im Juni 2009 trat die von Europäischem Parlament und Rat erlassene Richtlinie 2009/30/EG (EU-Kraftstoffqualitätsrichtlinie) in Kraft. In der Richtlinie ist geregelt, wie die Freisetzung von Treibhausgasen im Transportwesen reduziert werden kann. Dadurch soll die Erwärmung der Atmosphäre gebremst werden.

Richtlinien der EU

Richtlinien der Europäischen Union müssen von den Mitgliedstaaten innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland geschah dies mit Zustimmung von Bundestag und Bundesrat, weswegen die EU-Krafstoffqualitätsrichtlinie seit 04.12.2010 gültiges deutsches Gesetz ist und zwar als Teil des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG).

Die Bundesregierung muss die Vorgaben aus dem BImSchG umsetzen und hat beschlossen, dies über die Zusammensetzung der Kraftstoffe zu tun. Unter Androhung von Strafzahlungen müssen Hersteller seit Anfang des Jahres ihren herkömmlichen Kraftstoffen (außer Diesel) zehn Prozent Ethanol (E10) beimischen, bisher waren es fünf Prozent. So soll weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre freigesetzt werden.

Der Ansatz der Bundesregierung ist sehr umstritten, denn erstens wird durch die Beimischung von Ethanol möglicherweise gar nicht weniger Kohlendioxid freigesetzt, und zweitens werden große Flächen benötigt, auf denen Ethanol-Pflanzen wie zum Beispiel Zuckerrohr, Raps, Soja, Weizen oder Ölpalmen in entsprechender Menge angebaut werden können. Weil wir diese Anbau-Flächen in Deutschland nicht haben, importieren wir Ethanol aus anderen, meist tropischen Ländern, wo es um Nachhaltigkeit und Umwelt beim Anbau häufig nicht gut bestellt ist und viel Regenwald vernichtet wird.

Mit einem Marktanteil von bisher nur 15 Prozent hat E10 die Erwartungen nie erfüllt – und das is auch gut so. Über das Biokraftstoffquotengesetz und die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung versucht die EU an E10 festzuhalten, indem beispielsweise Steuervorteile gewährt werden, wenn 35 Prozent Kohlenstoffdioxid (Kohlendioxid) gegenüber herkömmlichen Kraftstoffen eingespart werden, oder wenn für die Erzeugung der Agrartreibstoffe keine tropischen Regenwälder gerodet werden mussten.

Bild: Zuckerrohrplantage

Zuckerrohr-Plantage: Eine Zuckerrohr-Plantage wo einst die besonders artenreichen Regenwälder der Mata Atlantica an der Atlantikküste Brasiliens wuchsen. Einzelne Waldinseln sind noch übrig - ansonsten Zuckerrohr wohin das Auge reicht (© 2008, Dr. Holger Teichert, Recife, Brasilien).

Die Verteuerung fossiler Energieträger und der Wille der Industrienationen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, führen dazu, dass die Nachfrage nach "billigen und klimaneutralen" Energieträgern steigt. In den USA werden Agrartreibstoffe hauptsächlich aus Mais und Weizen destilliert, in Indonesien aus Ölpalmen als Palmöl und in Brasilien aus Zuckerrohr als Ethanol.

Ethanol ist ein Benzin-Ersatz, der herkömmlichem Benzin aus fossilen Quellen um bis zu 20 Prozent beigemischt werden kann. Größere Mengen würden die Motoren schädigen. Allerdings ist Ethanol nicht so ergiebig wie Benzin: Für die gleiche Ausbeute wird etwa ein Drittel mehr benötigt.

Ethanol aus Brasilien

Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva hatte Visionen – er sah in Brasilien das Eldorado der alternativen Treibstoffe und will bis 2030 der größte Treibstofflieferant der Welt sein. Ethanol aus Zuckerrohr und Agrardiesel sind die neuen Exportschlager Brasiliens, das mit den USA zu den größten Produzenten von Ethanol gehört.

Bild: Zuckerrohrplantage

Zuckerrohr-Plantage: Eine Zuckerrohr-Plantage wo einst die besonders artenreichen Regenwälder der Mata Atlantica an der Atlantikküste Brasiliens wuchsen. Die Plantage reicht ohne Pufferzone bis an den Rand der letzten Regenwald-Inseln heran (© 2008, Dr. Holger Teichert, Recife, Brasilien).

Im Jahr 2014 betrug die brasilianische Jahresproduktion 24 Milliarden Liter und soll bis 2016 auf 28 Milliarden Liter gesteigert werden. Ethanol kann in Brasilien billig wie nirgendwo sonst hergestellt werden. Die Produktionskosten liegen bei 16 Cent pro Liter Ethanol aus Zuckerrohr, bei US-amerikanischem Mais sind es 26 Cent pro Liter Ethanol. Am teuersten ist die europäische Zuckerrübe mit 45 Cent pro Liter.

In den zwölf Jahren von 2002 bis 2014 hat sich die Anbaufläche für Zuckerrohr in Brasilien von 51.000 auf 104.000 Quadratkilometer mehr als verdoppelt. Das brasilianische Zuckerrohr wird hauptsächlich im Südwesten im Bundesstaat Sao Paulo aber auch im Nordosten des Landes angebaut. Zuckerrohr ist anspruchslos und benötigt wenig Pflanzenschutzmittel und Dünger. Aus der Ernte eines Hektars Zuckerrohrs lassen sich 7.000 Liter Ethanol gewinnen.

Abbildung: Anbaufläche für Zuckerrohr in Brasilien

Anbaufläche für Zuckerrohr in Brasilien von 1961 bis 2012: Anbaufläche von Zuckerrohr in Brasilien in Quadratkilometern von 1961 bis 2014. Die Auswertung erfolgte am 28.02.2016 mit Hilfe der Datenbank der FAO (FAOSTAT).

Die Zuckerrohr-Plantagen bedrohen noch nicht direkt die tropischen Regenwälder Amazoniens, die 2.000 Kilometer weiter nördlich liegen, sondern die tropischen Regenwälder an der brasilianischen Atlantikküste, Mata Atlantica genannt. Was heißt das, die tropischen Regenwälder in Amazonien werden nicht direkt von den Zuckerrohr-Plantagen bedroht? Für Zuckerrohr werden in Amazonien keine tropischen Regenwälder zerstört, aber für Viehweiden und Soja-Plantagen. Und diese werden von den Zuckerrohr-Plantagen mehr und mehr in Richtung Norden, in Richtung des Amazonas gedrängt. Das Argument stimmt also nicht, dass für Zuckerrohr und die Gewinnung von Agrartreibstoffen in Brasilien keine tropischen Regenwälder vernichtet würden.

Kontrovers wird darüber diskutiert, ob der Anbau von Zuckerrohr für die Produktion von Agrartreibstoffen die Nahrungsmittelkrise verschlimmert. Die selbstbewusst gewordenen Brasilianer weisen das Argument zurück. Anders als in den USA, wo Mais für die Herstellung von Ethanol dient, konkurriere der Anbau von Zuckerrohr in Brasilien noch nicht mit Anbau von Getreide.

Mata Atlantica

Die tropischen Regenwälder der Mata Atlantica sind ein Hotspot der Artenvielfalt, sie gehören zu den artenreichsten der Welt. Einst zogen sie sich entlang der gesamten Ostküste, heute sind sie fast vollständig zerstört, nur noch wenige Reste sind übrig, kleine Regenwald-Inseln inmitten von riesigen Zuckerrohr-Plantagen.

So sehen die Regenwald-Inseln inmitten von Zuckerrohr-Plantagen an der Atlantikküste im Nordwesten Brasiliens aus. Die Bundesstraße 101 (BR 101) ist der Ethanol-Highway. Mit +/- oben links im Bild können Sie den Zoom-Level verändern.

Die Zukunft der Agrartreibstoffe

Mit Computern wurde errechnet, wie viel des heute weltweiten Bedarfs an Primärenergie umweltverträglich gewonnen werden kann. Strenge Schutzmaßnahmen vorausgesetzt, sind das lediglich 10 bis 15 Prozent, wenn der noch verbleibende Platz vollständig für Monokulturen zum Anbau von Pflanzen für Agrartreibstoffe verwendet wird.

Welche Alternative zu Ölpalmen und Zuckerrohr gibt es? Wenn es denn schon Treibstoff aus Pflanzen sein muss, dann wenigstens aus solchen, deren Anbau nicht in der Zerstörung ganzer Ökosysteme mündet. Als Agrartreibstoffe der zweiten Generation gelten Treibstoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden, die keine andere Bodennutzung beeinträchtigen – wie Algen oder Jatropha.

Wolfsmilchgewächse der tropischen oder subtropischen Gattung Jatropha sind äußerst genügsame Bäume oder Sträucher, die auf nährstoffarmen Böden angebaut werden können, die für Nahrungsmittelpflanzen nicht benutzt werden können. Aus dem Öl der Jathropa-Arten lässt sich Biodiesel herstellen.

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