Faszination Regenwald

Bild Vielfalt im Regenwald

Die Vielfalt in tropischen Regenwäldern

Artenvielfalt und biologische Vielfalt

Was verbirgt sich hinter dem etwas hölzern klingenden Begriff „Artenvielfalt“? Er gibt an, wie viele Tier- und Pflanzenarten in einem bestimmten Lebensraum oder einer bestimmten Region leben, beispielsweise in einem Kastanienbaum, auf einer Wiese, in Deutschland, in den Regenwäldern am Amazonas oder gar auf der Erde. Artenvielfalt und biologische Vielfalt (Biodiversität) sollten nicht wortgleich verwendet werden, ist die Artenvielfalt doch ein Teil der biologischen Vielfalt.

Die biologische Vielfalt umfasst zusätzlich zur Artenvielfalt die genetische Vielfalt und die Vielfalt an verschiedenen Lebensräumen wie tropischen Regenwäldern, Gebirgslandschaften, Küstenregionen, Savannen und Wüsten.

Artenvielfalt in Deutschland

Knorrige Apfelbäume auf Streuobstwiesen im Südharz sind der Lebensraum von Siebenschläfer, Fledermaus, Ameise, Wildbiene und Grünspecht. Bis zu 50 Tierarten tummeln sich in den Wipfeln und Stämmen der alten Obstbäume. In unseren Städten leben heute mehr Vogelarten als auf dem Land, so ist Berlin mit seinen Gärten, Teichen und Parks die artenreichste Region Deutschlands. Dagegen sind die Agrarwüsten unserer landwirtschaftlich genutzten Felder geradezu leergefegt. Das ist Artenvielfalt „made in Germany“.

Artenvielfalt in tropischen Regenwäldern

Die Arten sind nicht gleichmäßig auf der Erde verteilt. Tropische Regenwälder gehören wie der Mittelmeerraum zu den so genannten Hotspots der Artenvielfalt, in denen außergewöhnlich viele verschiedene Arten zusammen leben. Das Geheimnis tropischer Vielfalt liegt verborgen in der Seltenheit ihrer Arten. Eine Faustregel für Insekten lautet: Es ist viel leichter zehn verschiedene Schmetterlingsarten in tropischen Regenwäldern zu finden als zehn Schmetterlinge einer Art; ausgenommen sind staatenbildende Insekten wie Ameisen und Termiten.

Bild: Artenvielfalt des Planeten

Artenvielfalt auf der Erde: Etwa 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten sind der Wissenschaft derzeit bekannt. Unter "Andere" sind Spinnentiere, Weichtiere und weitere kleine Tiergruppen zusammengefasst.

Begünstigt wird die Entstehung der Arten durch den Mangel an Nährstoffen, der in den tropischen Regenwäldern herrscht. Die Böden sind extrem ausgelaugt und nährstoffarm, so kann sich keine Art gegen andere Arten entscheidend durchsetzen. Der Nährstoffmangel verhindert, dass sich einzelne Arten massiv vermehren und ausbreiten können.

In unseren Breiten sind die Böden reich an Nährstoffen, die übermäßige Düngung in der Landwirtschaft erhöht den Nährstoffgehalt zusätzlich. Das führt zu hoher Produktivität auf den Feldern bei gleichzeitig geringer Artenvielfalt, im Gegensatz zu den Böden in tropischen Regenwäldern mit geringer Produktivität (Nährstoffarmut) und großer Artenvielfalt.

Hier deutet sich bereits an, weshalb große Flächen tropischen Regenwalds für die landwirtschaftliche Nutzung gerodet werden müssen: Die Böden sind wenig produktiv, und das wird über große Fläche und den hohen Einsatz von Düngemitteln ausgeglichen – Masse statt Klasse.

Vorschaubild: Große Ameise Vorschaubild: Bockkäfer Vorschaubild: Malaienbär

Ameise, Bockkäfer, Malaienbär (Indonesien, 2006)

Wie viele Arten gibt es in tropischen Regenwäldern?

Wissenschaftler schätzen die Zahl der Arten auf 20 bis 30 Millionen, von denen bisher 1,8 Millionen bekannt sind. Nicht alle Arten sind so prominent wie Tiger, Tukan und Tapir. Die meisten Arten gehören zu den Käfern, Bienen, Fliegen oder Wanzen und sind deutlich unscheinbarer.

Obwohl nur sieben Prozent der eisfreien Landmassen von tropischen Regenwäldern bedeckt sind, finden sich in den tropischen Regenwäldern bis zu 90 Prozent aller bekannten Tier- und Pflanzenarten.

Bild: Vielfalt in Regenwäldern

Artenvielfalt in tropischen Regenwäldern: Nur etwa sieben Prozent der eisfreien Landmassen der Erde sind von tropischen Regenwäldern bedeckt. Doch finden sich in diesen sieben Prozent der Landmassen, die von tropischen Regenwäldern bedeckt sind, 90 Prozent der Tier- und Pflanzenarten.

Wie gehen die Wissenschaftler vor, wenn sie Artenzahlen schätzen? Viele Schätzungen werden an der Gruppe der Gliederfüßler (Arthropoden) durchgeführt, zu der auch die Klasse der Insekten gehört. Es ist die weitaus artenreichste Gruppe, die die anderen Gruppen zahlenmäßig in den Hintergrund drängt. Der amerikanische Insektenkundler Professor Terry Erwin war einer der ersten, der die Bedeutung der Kronenregionen tropischer Regenwälder erkannte.

Gliederfüßer – Arthropoden

Die Arthropoden bilden eine ungeheure Artenzahl in den Tropen. Zum Tierstamm der Arthropoden gehören die Klassen der Insekten, Spinnentiere, Krebstiere, Tausendfüßer und Trilobiten. Arthropoden haben einen gegliederten Körper, der von einem Panzer aus Chitin überzogen ist.

Erwin untersuchte im Jahr 1982 die Käfer-Fauna (rund 40 Prozent aller Insekten sind Käfer) in den Tropen. Dabei ging er folgendermaßen vor: Er vernebelte mit einem pflanzlichen Insektizid Bäume der Art Luehea seemannii (verwandt mit unseren Linden) im tropischen Regenwald von Panama. Dann sammelte er die toten, herabgefallenen Insekten ein und identifizierte diese.

Aus den Daten hat Erwin errechnet, dass etwa 160 Käferarten in den Kronen dieser einen Baumart leben. Von den Käfern ausgehend, schloss er auf 400 Insektenarten in den Wipfeln dieser Baumart. Und weil am Stamm auch Insekten leben, besiedeln nach Erwin etwa 600 Insektenarten eine Baumart in den Tropen. Es gibt schätzungsweise 50.000 tropische Baumarten, von denen viele unbekannt sind. Multipliziert mit 600 ergibt das eine Zahl von 30 Millionen Insektenarten allein auf den Bäumen tropischer Regenwälder.

Andere Wissenschaftler schätzen die Zahl der unbekannten Insektenarten auf zwei bis drei Millionen. Peter Hammond legte seinen Schätzungen Zahlen über die gut erfasste Tierwelt von Großbritannien zugrunde. Er schätzt die Zahl der weltweit vorkommenden Insektenarten auf sechseinhalb Millionen.

Schätzungen zu den Artenzahlen (nur Insekten) von anderen Wissenschaftlern:

  • Ian Hodkinson: 2 bis 3 Millionen
  • Peter Hammond: 6,5 Millionen
  • Terry Erwin: > 30 Millionen
  • Robert May: 20 bis 80 Millionen
  • Dan Janzen: 100 Millionen
Enzyklopädie des Lebens

Wie groß die Artenzahl auf der Erde auch exakt sein mag, es gäbe viel zu tun für Biologen und Tropenökologen: Entdeckung, Einteilung und Untersuchung neuer Arten. Doch viele Arten werden von der Bildfläche dieses Planeten verschwunden sein, ohne dass die Menschheit jemals Kenntnis von ihrer Existenz gehabt haben wird!

Ein zentrales Archiv zur Erfassung der Arten ist seit dem Jahr 2007 im Aufbau. In der "Enzyklopädie des Lebens", der Encyclopedia of Life (externer Link, Englisch), werden ab dem Jahr 2007 Informationen über alle 1,8 Millionen bekannten Lebewesen auf der Erde gespeichert.

In der frei zugänglichen Datenbank sollen in den kommenden zehn Jahren für jede Spezies aktuelle Forschungsergebnisse, Fotos, Videos, Geräusche und Karten des Verbreitungsgebiets zu finden sein. Die Initiatoren des Projekts, zu denen unter anderen die Harvard Universität und die Smithsonian Institution gehören, wollen mit der Datenbank einen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt leisten.

Wie viele Pflanzen- und Tierarten leben auf einem Quadratmeter Regenwald?

Oft werde ich gefragt, wie viele Pflanzen es im tropischen Regenwald gibt, oder wie viele Pflanzen-und Tierarten auf einem Quadratmeter Regenwald leben. Diese Fragen sind natürlich schwer oder gar nicht zu beantworten. Hier ein Gedankenexperiment, wie viele Arten auf einem Quadratmeter rechnerisch vorkommen könnten.

Etwa 17 Millionen Quadratkilometer der Landfläche der Erde sind von tropischen Regenwäldern bedeckt. Ein Quadratkilometer hat 1 Million Quadratmeter. 17 Millionen Quadratkilometer entsprechen somit 17 Billionen Quadratmetern. Nehmen wir an, es gäbe etwa 30 Millionen Tier-und Pflanzenarten, von denen 27 Millionen (90 Prozent) in den tropischen Regenwäldern leben, dann fänden sich 0,0000016 Arten pro Quadratmeter, sofern jede Art nur mit einem Lebewesen (Individuum) vorkäme. Das ist nicht der Fall, weswegen der Wert noch mit der Zahl der Individuen multipliziert werden müsste.

Vorschaubild: Blattschneiderameisen Vorschaubild: Blattschneiderameisen Vorschaubild: Wanderameisen

Blattschneiderameisen, Wanderameisen (Französisch-Guayana, 2004)

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