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07.02.2010
Bushmeat-Krise und Aids

Dieses Plädoyer von Dr. Johannes Refisch ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags, der im Gorilla-Journal Nr. 29 vom Dezember 2004 erschien:

Für einen großen Teil der katastrophalen Epidemien der Neuzeit sind Krankheitserreger verantwortlich, die von Tieren stammen und auf den Menschen übertragen wurden. Das bekannteste Beispiel ist das Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS), zu deutsch "erworbener Immundefekt". Bei einem Immundefekt ist die Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheitserregern vermindert.

AIDS stellt die Menschheit vor eines der größten Gesundheitsprobleme der Geschichte. Die innerhalb der UNO für die Bekämpfung von AIDS verantwortliche UNAIDS veröffentlichte 2003 Zahlen, nach denen bereits Millionen Menschen an AIDS gestorben sind. Im Zentrum der Epidemie liegen die südlich der Sahara gelegenen Länder, und bereits jetzt ist der ökonomische Schaden für die Volkswirtschaften immens.

AIDS brach vor etwa einem Vierteljahrhundert aus; wahrscheinlich nach einem Jahrzehnte zurückliegenden Übergang des Simian Immune Deficiency Virus (SIV) von Affen auf den Menschen. Zwei Varianten des für AIDS verantwortlichen Human Immune Deficiency Virus (HIV) werden unterschieden: HIV-1 und HIV-2.

Während HIV-1 auf eine SIV-Variante der zentralafrikanischen Schimpansen zurückgeht, hat HIV-2 seinen Ursprung in der SIV-Variante von westafrikanischen Mangaben. Es scheint heute sicher, dass das Virus dabei mindestens sechsmal unabhängig voneinander von Mangaben auf den Menschen übertragen worden ist. Zwischen Schimpansen und Menschen fand der Übergang nur einmal statt.

SIV entfaltet in den Affen keine krankmachende Wirkung. Wohl aber die auf den Menschen übergegangen HIV-Varianten. Im Fall von AIDS hat das Virus zu einer weltweiten Bedrohung geführt.

Wie gelangen die Viren von den Affen auf den Menschen? In Afrika und Asien stehen Affen und andere Wildtiere als Buschfleisch auf dem Speiseplan. Buschfleisch (Bushmeat) nennt man das Fleisch illegal geschlachteter Wildtiere.

Der Kontakt mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten bei der Jagd, beim Zerlegen oder beim Verzehr der Tierkörper wird als primärer Mechanismus für die Übertragung der Viren angesehen. In Afrika und Asien ist es auch die geläufige Praxis, Affen als Haustiere zu halten, die das Risiko einer Infektion erhöht.

Für mehr als 30 Affenarten ist eine Infektion mit SIV nachgewiesen. Einige SIV-Varianten haben den Übergang von einer Affenart auf eine andere schon geschafft. Es ist zu befürchten, dass die Viren auch auf den Menschen übergehen könnten.

Seit immer mehr Akteure im Handel mit Bushmeat involviert sind, steigt dieses Risiko ständig. Jagd hat es schon immer in Afrika gegeben, aber das Ausmaß war nicht vergleichbar. Jedes Jahr werden eine Million Tonnen Bushmeat in Afrika konsumiert. Obwohl der Handel mit Bushmeat, beispielsweise in der zentralafrikanischen Republik Kamerun, verboten ist, erreichen schätzungsweise drei bis vier Tonnen Bushmeat aus den umliegenden Regenwäldern jeden Tag die Hauptstadt Yaoundé.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Für die Zunahme der Jagd und des Bushmeat-Handels gibt es zahlreiche Gründe:

  • Zunächst sind die wohlhabenden Schichten in den Großstädten bereit, für Bushmeat deutlich mehr zu zahlen als für das Fleisch domestizierter Tiere (Rinder, Ziegen usw.) Das steigert die Nachfrage.
  • Neue Straßen, die von der Holzindustrie tief in unberührte Regenwalder geschlagen werden, erleichtern den Zugang der Wilderer.
  • Die Wilderer sind heute mit modernen und teuren Waffen ausgestattet, die die Jagd einfacher machen. Das erhöht natürlich auch den Druck auf die Wilderer, die ihre teuren Waffen finanzieren müssen, und das geht nur über entsprechend große Mengen an Jagdbeute.
  • Schließlich sind viele Menschen aus klimatisch ungünstigeren Gebieten Afrikas in die Regenwaldgebiete ausgewandert. Dabei werden lokale Jagdverbote, wie zum Beispiel in Kamerun, nicht beachtet.

Eine Einschränkung der Jagd ist also nicht nur zum Schutz vieler bedrohter Affenarten unbedingt geboten, sondern reduziert gleichzeitig das Risiko einer Übertragung von Viren auf den Menschen. Die Aussage eines Wilderers über unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, verdeutlicht die Problematik: „Niemand hat je einen Schimpansen geheiratet. Ich betrachte sie als Tiere im Wald, wenn ich sie töte, zerlege ich sie … gutes Fleisch … lecker!“

Dr. Johannes Refisch


Dr. Johannes Refisch studierte Biologie mit den Schwerpunkten Ökologie und soziale Geographie Afrikas in Bayreuth. Unterstützt durch die GTZ im Rahmen des tropenökologischen Begleitprogramms, untersuchte er den Einfluss der Wilderei auf Affen im Tai-Wald, Elfenbeinküste. Seit 1998 ist er als Ko-Direktor des Taï-Monkey-Projekts für die ökologie- und naturschutzrelevanten Forschungsprojekte zuständig.

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